Wunderbare Verwandlung

Vom Wohnzimmer zur Nerd-Höhle

Ich bin ja schon immer so ein wenig neidisch, wenn jemand einen ganzen Raum voller Figuren und Replika ansammelt. So viel cooler Kram, dass man stundenlang nur gucken könnte. Bei unserem Kunden Michael ist diese Sammlung direkt mit in den Kinoraum gewandert. Und doch sollte der Raum noch ein wenig an ein Wohnzimmer erinnern.

Alle Fotos: Michael W.

Dieses Projekt war definitiv außergewöhnlich, denn hier ging es nicht einfach darum, ein Heimkino nach gängigen Methoden aufzubauen oder ein Wohnzimmer akustisch zu verbessern. Nein, hier hatten wir es vor allem mit einer Sache zu tun: Unmengen an Glas! Vitrinen über Vitrinen, alles gebaut, um die wertvolle Sammlung ins rechte Licht zu rücken. Akustisch war das natürlich eine mittelgroße Katastrophe.

Akustikoptimierung der etwas anderen Art

Dabei hatte Michael am Anfang die gleichen Probleme wie jeder andere: zu beurteilen, welche Dinge den meisten Sinn machten oder eben auch nicht.

  • Welche Stoffe sind zum Beziehen der Absorber oder als Vorhang geeignet?
  • Taugen spezielle Akustikvorhänge etwas?
  • Bis zu welcher Materialstärke ist Basotect sinnvoll?
  • Wie dick sollten Bassfallen sein und wann bringen sie nicht noch mehr Effekt?
  • Wie teile ich den Raum auf, so dass es immer noch ein Wohnzimmer bleibt, aber bessere Akustik hat?

“Das sind Dinge, wo ich zwar weiß, dass sie etwas bringen – aber wo sind die Grenzen, was ist Unsinn und was ist ausbaufähig? Da brauchte ich einfach jemanden, der mehr Fachwissen und Erfahrung im Bereich Akustik besitzt.”

Um die zugegeben schwierigen akustischen Verhältnisse in den Griff zu bekommen, haben wir so lange an der Anordnung der Vitrinen gearbeitet, dass sich keine Glasscheiben und glatten Möbelfronten mehr an den kritischen Reflexionspunkten befanden oder diese mit Absorbern behandelt waren.

Die Sitzposition wurde so weit nach vorne verschoben, bis sie einerseits am akustisch optimalen Punkt war, gleichzeitig aber im hinteren Bereich des Raums neuer Platz für weitere Sammlerstücke und zwei Bassfallen frei wurde. Die Bassfallen sind besondere Konstruktionen, die im mittleren Bereich ein Fach für die Surround-Lautsprecher schaffen.

Der ursprüngliche Plan vor unserem Start in die Heimkino-Beratung.

Kritischer Blick über den Tellerrand

Ich freue mich immer, wenn ich meine beruflichen Wurzeln als Mediengestalter für etwas sinnvolles nutzen kann (nicht nur um Websites und Logos zu entwerfen). Zum Beispiel gehen bei mir sofort die Alarmglocken an, wenn Absorber an der Wand unschön angeordnet sind und dabei unterbewusst eine negative Assoziation auslösen. Wer Design (oder Psychologie) studiert hat, weiß das: die Rede ist von absteigenden Treppen. Ich bin froh, dass Michael davon profitieren konnte:

  • die Anordnung der Basotect-Absorber in einer aufsteigenden Treppe
  • Bassfallen an der Front: ja, aber nicht um den Preis, dass es optisch unschön wird
  • die Wand hinter den Basotect-Platten schwarz zu hinterlegen

“Man selber hat sich vielleicht schon was überlegt, befindet sich damit aber auf dem Holzweg. Man erkennt es selber aber nicht, da man sich so darauf versteift hat. Da ist es gut wenn jemand sagt, das ist Unsinn, oder so ist es vielleicht besser.”

Neue Technik und Finetuning

Schließlich haben wir auch die Technik auf Vordermann gebracht. Ein neuer AV-Receiver mit Unterstützung für Dolby Atmos musste her und schließlich auch auf den akustisch optimierten Raum neu eingemessen werden.

Dabei konnten wir bei Michael unzählige offene Fragezeichen auflösen, unter Anderem:

  • “Mein anfänglich angedachter Verstärker, von dem du mir abgeraten hast, zugunsten des Yamaha.”
  • Die wichtigen Sitzplätze in der Mehrpunktmessung öfter einzumessen, damit der AV-Receiver ihnen eine höhere Gewichtung gibt.
  • Feinjustierungen der Lautsprecherpositionen
  • Einmessen des Subwoofers auf ca. +5 dB, bevor man die eigentliche Messung macht, und nicht einfach über den Verstärker hochdrehen.

Denn schließlich geht es am Ende nicht nur darum, alles gut geplant zu haben, sondern auch das Beste aus dem herauszuholen, was man gekauft und aufgebaut hat.

“Wenn man sowas angeht, ist einfach Input von anderen Leuten wichtig, die dann auch mit Fachwissen Tipps geben können. Man gibt ja durchaus tausende Euro für Lautsprecher und Verstärker aus, aber ruiniert sich den Ton, indem man der Akustik im Raum keine oder nur wenig Beachtung schenkt.”

Ich muss gestehen, ich würde mir am liebsten ein zweites Kino bauen, in dem ich überall Figuren und Hobbit-Waffen hinstellen könnte. Eigentlich mag ich mehr den “cleanen Look” und könnte mich nicht dazu durchringen, mein Kino mit so vielen wunderbaren Sammlerstücken vollzustellen.

Vorher: Wohnzimmer mit Kino-Sofa
Nachher: Heimkino mit Nerd-Faktor

Um so mehr freut es mich, solche besonderen Heimkinos zu sehen wie das von Michael, in denen das mit relativ einfachen Mitteln und eingeschränkten räumlichen Möglichkeiten, aber dennoch so viel Herzblut umgesetzt wird.


Wenn auch du mit dem Gedanken spielst, dir ein Heimkino zu bauen (oder ein grandioses Nerd-Zimmer wie dieses einzurichten), lass uns gerne mal über deine Vorstellungen reden. Manchmal braucht man einfach jemanden, der einen dabei ein wenig an die Hand nimmt.

Über Bert Kößler

Leidenschaftlicher Filmvorführer, Popcorn-Koch, Kartenabreißer, Platzanweiser, Programmchef, Projektionist, Reinigungsfachkraft und Kabelmann in einer Person. Neigt zu ausgeprägtem Fanatismus, wenn es um die Steuerung und Automatisierung des Heimkinos geht. Konnte sich zwischen zwei Filmen dazu motivieren, Heimkino Praxis als Ventil für gelegentliche Schreibanfälle zu gründen.

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